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Haushaltsrede 2008: Stadt Warstein spätestens 2020 "insolvent" PDF Drucken
Geschrieben von Redaktion: Jochen Köster   
Jochen Köster, BG WarsteinIn seiner Rede zur Verabschiedung des Haushalts 2008 weist der BG-Fraktionsvorsitzende Jochen Köster einmal mehr auf die katastrophale Lage der Stadt Warstein hin und stellt grundsätzliche Fragen zu den kostenintensiven Positionen im Haushalt. Handlungsbedarf besteht dringend, der Stadt Warstein droht spätestens 2020 die "Insolvenz":



Sehr geehrte Damen und Herren,

jeder von uns weiß, dass die finanzielle Lage der Stadt Warstein katastrophal ist.
Jeder von uns weiß, dass dringend gehandelt werden muss. Meiner Meinung nach
hätte dies schon vor Jahren geschehen müssen. Denn es ist schon lange
abzusehen, dass die Stadt Warstein direkt in die Insolvenz schliddert – bei rein
kaufmännischer Betrachtung wird dies vor dem Jahr 2020 geschehen, selbst wenn
die Konjunktur bis dahin weiter boomen sollte.

Was können wir dagegen unternehmen?

Wir haben nun den ersten Haushalt, der gemäß des Neuen Kommunalen
Finanzmodells (NKF) aufgestellt wurde. Mehr Transparenz sollte dies bringen und
somit Entscheidungen erleichtern. Leider verbirgt dieser Haushalt mehr, als er zeigt.
Schuld daran ist nicht das NKF und auch nicht die Verwaltung, der ich bereits jetzt
für die geleistete Arbeit bei der Umstellung danken möchte. Schuld ist einzig und
allein die neue Software, die nicht rechtzeitig die an sie gestellten Anforderungen
erfüllen konnte.

Aus diesem Grund möchte ich auch gar nicht detailliert auf die einzelnen
Haushaltspositionen eingehen, sondern vielmehr grundsätzliche Fragen stellen,
denen wir uns so oder so stellen müssen.
Wir müssen jedes Jahr mindestens rund 10 Millionen Euro einsparen oder mehr
einnehmen – nicht um Schulden abzubauen, sondern nur um diese nicht weiter
steigen zu lassen.

Geht das Überhaupt?

Schauen wir uns mal die Ausgabenseite an. Wie im Haushaltssicherungskonzept
zwingend vorgeschrieben, müssen erst einmal die so genannten Freiwilligen
Leistungen auf den Prüfstand.

Rund 1,3 Millionen Euro gibt die Stadt dafür noch aus. Selbst wenn diese Summe
komplett gestrichen würde – es fehlten immer noch 9 Millionen Euro jährlich.
Abgesehen davon bedeutet der Begriff freiwillige Leistungen keinesfalls „überflüssig“
oder „nicht notwendig“. Viele dieser Leistungen dienen dem Zusammenleben in
unserer Gemeinde. Es handelt sich z.B. um Zuschüsse für die Vereine,
Jugendförderung, Musikschule, Schwimmbäder.

Das Haushaltssicherungskonzept sieht aber auch ganz klar eine Kostenreduzierung
bei pflichtigen Aufgaben vor. Bei Art, Umfang und Ermessensausübung sind die
Haushaltsgrundsätze der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit verstärkt zu
berücksichtigen. Soweit die Vorgaben.

Lohnen würden sich die Umsetzung der Vorgaben allemal. Sind doch alleine die
Kosten für Sach- und Dienstleistungen, die Transferkosten und die Personalkosten
mit rund 40 Millionen Euro jährlich veranschlagt, inklusive der je rund 100.000 Euro
pro Beigeordnetem.

Und weil wir in der Vergangenheit - trotz Stadtdirektor und 2 Beigeordneten - schon
auf zu großem Fuße lebten, zahlen wir für die Altschulden auch noch rund 2
Millionen Euro Zinsen.

Die dicksten Brocken innerhalb der pflichtigen Aufgaben sind Kreisumlage (10
Millionen), Jugendhilfe (ca. 6 Millionen), Schulen (ca. 5 Millionen), Soziales (ca. 1
Millionen) und Verkehrsflächen/Anlagen ca. (3 Millionen).

An der Kreisumlage ist kaum zu sparen, es sei denn die Bürgermeister würden sich
zusammen schließen, um Druck auf den Kreis aufzubauen, damit dieser ebenfalls
einen restriktiveren Sparkurs fährt. Die Frage darf schon erlaubt sein, ob der Kreis
alles und in der Qualität machen muss, wie er es anbietet.

Hinterfragt werden sollte auch, ob die Verkehrsflächen und Anlagen immer vom
Feinsten sein müssen. Ich bin mir sicher, dass der Bürger auf manches verzichten
würde, wen ihm vorher klar wäre, was der Luxus – siehe auch Innenstadtsanierung
Belecke - letztlich kostet. Angesichts des demographischen Wandels sollte auch die
Baulandpolitik auf den Prüfstand. Warstein hatte vor 40 Jahren ähnlich viele
Einwohner wie jetzt. Allerdings wohnte die auf deutlich weniger Fläche. Mit anderen
Worten: Wir haben heute wesentlich mehr und qualitativ höherwertige Infrastruktur
(Strassen, Seitenstreifen, Beleuchtung, Abwasser), die aber von gleichviel Bürgern
bezahlt werden muss – logischerweise bedeutet das für den Einzelnen erhebliche
Mehrkosten.

Kommen wir zu den Kosten für Schule, Jugendhilfe und Soziales.
Ich möchte im Folgenden nicht falsch verstanden werden. Mit geht es schon darum,
dass diejenigen, die Hilfe benötigen, diese auch bekommen – im Rahmen dessen,
was die Zahlenden zu leisten vermögen ohne dadurch selbst hilfebedürftig zu
werden.

Warum steigt wohl die soziale Unzufriedenheit im Lande? Warum sinken die
Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Titel wie „Der Aufschwung geht am Volk
vorbei“ oder die „Mittelschicht stirbt aus“ beherrschen die Schlagzeilen. Warum wohl?
Vielleicht auch, weil dass, was wir allen Menschen Gutes tun wollen, genau von der
Mitteilschicht im wesentlichen bezahlt wird?

Und was machen wir?

Wir belasten die Mittelschicht noch mehr, weil wir auf die von
Bundesgerichten festgelegten Mindest-Sozialleistungen noch aufsatteln. Sicher ist es
eine gute Idee, kein Kind ohne Mittagessen zu lassen. Nur warum fordert keiner die
entsprechende Behörde oder den Gesetzgeber dazu auf, das Kindergeld oder den
Hartz-IV-Betrag um den entsprechenden Essensbetrag zu kürzen und direkt an die
Schule auszuzahlen? Der Dumme ist doch der, der sein Kind zu Hause ernährt.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele, die wir auf Kosten der Mittelschicht oder auf
Pump finanzieren. Noch einmal zum Verständnis: sozial Schwachen muss geholfen
werden. Aber wer die Hilfen beschließt, sollte keine neuen Ungerechtigkeiten
dadurch erst begründen.

Bundesgerichte haben bestätigt, dass der Regelsatz für HartzIV das
Existenzminimum sichert. Das mag sehr niedrig sein. Aber für eine fünfköpfige
Familie sind das mindestens 1200 Euro monatlich zzgl. geringer
Zuverdienstmöglichkeiten, die Miete und Heizkosten für eine 105 Quadratmeter
große, möbilierte Wohnung.

Ich wüsste gerne – oder auch besser nicht – wieviele Warsteiner Familien trotz
Arbeit, monatlich netto nicht oder nur unwesentlich mehr zur Verfügung haben und
davon zudem noch die Heizkosten zahlen müssen.

Aber damit nicht genug, diese Familien bekommen keine weiteren Vergünstigungen
bei Telefon, GEZ, Öffentlichem Personennahverkehr oder eben von der Stadt
Warstein bei Eintritten, Essensgeld, Kindergartengeld etc. hinzu.

Einen Teil dieser Hilfen bekommen auch anerkannte Asylanten. Das ist gut so. Aber
dieses Geld bekommen auch diejenigen, deren Asylgesuch von deutschen Gerichten
rechtskräftig abgelehnt wurde. Der Stadt Warstein entstehen dadurch alleine Kosten
in Höhe von rund einer halben Millionen Euro.

Übrigens: Wir zahlen mal eine halbe Millionen bisweilen sogar eineinhalb Millionen
Euro jährlich in den Fonds deutsche Einheit. Mittlerweile regt sich hier erster
Widerstand, schließlich ist der Bedarf an Fördermitteln nicht von der Region sondern
von der konkreten Bedürftigkeit abhängig. Nicht nur hier böte sich die Möglichkeit
einer speziellen Art von interkommunaler Zusammenarbeit: Nämlich sich zu wehren
und sich nicht alles von Bund und Land aufbürden zu lassen.

Wenn alle Sozialtransfers denn letztlich Ihren Zweck erfüllen würden, wäre ja
wenigstens etwas erreicht. Wird es das aber?

Die mit dem Aachener Friedenspreis geehrte ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Vera
Lengsfeld stellt eine bittere These auf: Milch und Honig aus dem Westen hätten die
Menschen im Osten träge gemacht und eine Anspruchs- und Verteilungsmentalität
gefördert. Die durch diese Abhängigkeit von Transferleistungen geschaffene
Mentalität sei ein Nährboden für kollektivistische Visionen.

Ich glaube nicht, dass diese These nur für die neuen Bundesländer gilt. Diese
Empfängermentalität gibt es auch im Westen. Oder woher stammt der Begriff vom
„uralten Sozialadel“?

Kann es sein, dass wir allen helfen wollen und das Ziel trotz enormer Kosten
systembedingt gar nicht erreichen können? Schaffen wir vielleicht nur neue
Ungerechtigkeiten?

Was das alles mit dem Haushalt zu tun hat? Sehr viel. Wenn wir nicht aufpassen,
schaffen wir eine Abwärtsspirale. Irrsinnige Subventionen, großmannssüchtige
Projekte und übertriebener Umverteilungswahn lassen der Mittelschicht immer weniger
netto in der Kasse. Ihr bleibt nichts übrig, als weniger zu konsumieren bzw.
investieren. Die Folge sind weniger Steuereinnahmen und gefährdete Arbeitsplätze.
Schließlich wird die Mittelschicht selbst hilfebedürftig. Und wer zahlt dann?
Eine funktionierende Gemeinschaft braucht eine große und starke Mitte.

Wir hätten uns sicher einen aussagekräftigeren Haushalt gewünscht, was leider
diesmal nicht möglich war. Wir sind uns dennoch sicher, das unser Bürgermeister
und sein Kämmerer in den letzten Jahren Sparwillen gezeigt und die Leistungen der
Stadt Warstein so verträglich wie möglich zurück gefahren haben. Diesen Weg
müssen wir weiter gehen, ohne zusätzliche Belastungen. Wir gehen davon aus, dass
im Haushalt keine versteckten „Nickeligkeiten“ sind. Hierfür nehmen wir den
Bürgermeister in die Verantwortung. Und weil wir ihm vertrauen stimmen wir dem
Haushalt zu.

Jochen Köster
BG Warstein
 
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